
Für Duisburg wird Hitzeschutz immer wichtiger. Die Deutsche Umwelthilfe hat untersucht, wie gut Städte in Nordrhein-Westfalen auf hohe Temperaturen vorbereitet sind. In NRW wurden dafür 77 Städte mit mehr als 50.000 Einwohnern betrachtet. Das Ergebnis fällt insgesamt eher kritisch aus. Für Duisburg zeigt die Auswertung vor allem, wie wichtig Schatten, Grünflächen und weniger versiegelte Flächen in Zukunft werden. Hier findet ihr den Artikel dazu.
Interview mit Kerstin Ciesla, stellvertr. Vorsitzende des BUND NRW e.V.
Radio Duisburg Reporter:
Die Deutsche Umwelthilfe sagt: in Duisburg sind in den letzten sieben Jahren rund 22.000 Bäume gefällt worden. Woran liegt das?
Kerstin Ciesla:
Also ich denke, das sind verschiedene Aspekte. Ein Aspekt ist mit Sicherheit, es ist ja genau der Zeitraum, wo die Baumschutzsatzung entfallen ist. Und da sind ja wahnsinnig viele Bäume, gerade auch in privaten Gärten, in Innenhöfen, gefällt worden. Gerade großkronige Bäume, aber eben auch eine ganze Menge an Straßenbäumen. Entweder wegen Baumaßnahmen oder eben wegen Krankheiten.
Radio Duisburg Reporter:
Und was bedeutet das für eine Stadt?
Kerstin Ciesla:
Für eine Stadt ist das eine Katastrophe, weil wir wissen, wir haben eine Klimakrise, es wird immer heißer. Und gerade Bäume sind die natürlichen Klimaanlagen der Menschen vor Ort, weil das ist ja nicht nur Verschattung, sondern das ist auch die Verdunstung. Man hat gleich ein ganz anderes Kleinklima. Ja, ich sage immer so schön, 5 bis 10 Grad Unterschied in der Nacht heißt: bin ich morgens ausgeschlafen und produktiv auf der Arbeit oder völlig gerädert.
Radio Duisburg Reporter:
Wenn Bäume gefällt werden, wird das meistens legitimiert mit: Es werden 1 zu 1 neue Bäume gepflanzt. Wo liegt da die Problematik?
Kerstin Ciesla:
Das ist ja kein Ausgleich. Also so ein Baum hat eine sogenannte Ökosystemleistung. Da gehört eben die Blattdichte dazu, da gehört die Verdunstung dazu, da gehört die Sauerstoffproduktion und viele, viele andere Aspekte dazu. Und das kann natürlich so ein kleines Bäumchen überhaupt nicht leisten. Das heißt, ein Ausgleich 1 zu 1 ist kein Ausgleich. Also wir hatten ja zumindest früher, nach der Baumschutzsatzung, mal noch einen ganz anderen Ausgleich. Selbst der war schon gering, wenn man mal wirklich die Berechnungen anstellt. Aber 1 zu 1 ist kein Ausgleich.
Radio Duisburg Reporter:
Die A59 wird jetzt ausgebaut. Da wurde im Meidericher Stadtpark auch ordentlich gerodet. Haben Sie das Gefühl, Bauprojekte haben eine höhere Priorität hier in der Stadt als Grünflächen?
Kerstin Ciesla:
Definitiv. Es geht ja auch um Flächenversiegelung. Also wir versiegeln ja auch jede Menge Flächen, auch naturnahe Flächen. Und das Schlimme daran ist, dass gerade bei diesen ganzen Bauprojekten, also gerade die ganzen Autobahnausbauten, wird nicht in Duisburg ausgeglichen. Das heißt, der Ausgleich, der findet irgendwo in Wesel oder in Mülheim statt, aber nicht bei uns in der Stadt. Und dadurch verringert sich natürlich auch der Grünanteil.
Radio Duisburg Reporter:
Was könnte eine Stadt tun, wenn jetzt die 1 zu 1 Bepflanzung wenig Sinn macht? Bei solchen großen Bauprojekten, wo es vielleicht nicht anders geht... was wäre der Ansatz, wie man das auffangen könnte?
Kerstin Ciesla:
Also dieses "weil es nicht anders geht" stört mich schon. Also ich sage mal, natürlich bei einer A59, klar sehe ich das noch ein, aber wenn es um wirklich Bebauung geht, sehe ich das nicht ein. Also ich finde, die Tonhallenstraße ist so ein wunderschönes Beispiel. Da hat man die Architektur dem Baum angepasst. Der Baum steht da immer noch. Und ich glaube, wir müssen einfach andersrum denken. Wir müssen sagen: das ist nicht nur Straßenbegleitgrün, sondern ein Baum ist ein ganz, ganz wichtiger Bestandteil. Und dann muss ich eben mal ein bisschen pfiffig sein und drumherum planen.
Radio Duisburg Reporter:
Duisburg ist ja eigentlich relativ grün. Wir haben einen Stadtwald, wir haben die Sechs-Seen-Platte... Reicht das?
Kerstin Ciesla:
Also diese Grünflächen sind wichtig, die sind total wichtig. Aber man muss einfach sagen, eigentlich braucht man eine Grünfläche innerhalb eines Radius von 300 bis 500 Metern. Und das haben wir nicht in allen Stadtteilen. Und wir haben unheimlich viele Straßen, da ist nicht ein Baum drauf. Das darf man auch nicht vergessen. Und in den Häusern, die dort an den Straßen sind, ist es einfach heiß. Da noch eine Dachgeschosswohnung... ja, Prost Mahlzeit. Also man darf nicht nur von den großen Flächen ausgehen, sondern man muss da hinschauen, wo die Menschen leben. Und wir haben Karten mit den Hitzeinseln in Duisburg und da sieht man, da fehlt die Begrünung.
Radio Duisburg Reporter:
Was wäre vielleicht so ein Appell, jetzt nicht an den OB persönlich, sondern an die Stadtverwaltung bezüglich Bäumen?
Kerstin Ciesla:
Also ich mag diesen Begriff nicht, weil es ist weder die Verwaltung noch ist es der OB, sondern es sind hier die Mehrheitsparteien. Und zwar ganz klar SPD und CDU, die haben gemeinsam die Baumschutzsatzung abgeschafft. Die argumentieren, Wirtschaft ist wichtig, Bebauung ist wichtig, auch Einfamilienhäuser sind wichtig und das Grün ist nachrangig. Und da muss der Appell hin, dass einfach ein Umdenken passiert, dass einfach gesagt wird, okay, wir müssen uns die Klimakarten angucken, wir müssen uns die Hitzeinsel angucken, die müssen wir aufbrechen. Und wir brauchen eine Wertschätzung für eben gerade die alten großkronigen Bäume, weil die helfen uns am meisten.
Radio Duisburg Reporter:
Warum fehlt diese Wertschätzung? Was glauben Sie?
Kerstin Ciesla:
Ich glaube, es ist immer noch nicht in den Köpfen, wie wichtig die sind und welche Funktionen die haben. Also ich erlebe es immer wieder, dass mir Menschen im Nachgang sagen: "Ach mein Gott, hätte ich mal meinen Baum nicht gefällt". Also ganz extrem war, dass mir jemand mal sagte "Boah, hätte ich mal auf Sie gehört, dann hätte ich mein Schlafzimmer nicht verlegen müssen, wir können da nicht mehr schlafen, der Baum ist weg und es ist zu heiß geworden".
Radio Duisburg Reporter:
Sie setzen sich ja tagtäglich dafür ein, dass es bei den Leuten ankommt. Woher kommt ihre persönliche Motivation?
Kerstin Ciesla:
Also ich möchte am Ende des Tages noch in den Spiegel gucken können und möchte sagen können: ich habe alles getan, also in meinem kleinen Einflussbereich, damit das Ganze nicht noch schlimmer wird. Weil ganz ehrlich, die Betroffenen, das sind die jungen Menschen. Das sind unsere Kinder und Enkelkinder und die haben darunter zu leiden. Jetzt und hier sind es die vulnerablen Menschen, also Menschen mit Vorerkrankungen, kleine Kinder, alte Menschen. Wir haben schon Hitzetote. Der Sommer kommt erst noch. Und ich finde, man muss einfach alles tun, damit das nicht so weit kommt. Und wir sehen ja, europäische Städte machen es vor... es geht ja anders. Und auch in wenigen Jahren. Man muss es wollen.
Radio Duisburg Reporter:
Wie sieht das dann aus in anderen europäischen Städten? Ganz konkret?
Kerstin Ciesla:
Ganz konkret: gucken Sie sich Paris an. Paris hat Autobahnen entfernt und Grünstreifen daraus gemacht. Sie haben kilometerweite Fahrradwege und der Autoverkehr ist zurückgegangen. Die Menschen haben ein viel größeres Glücksempfinden und eben die Stadt der kurzen Wege, eine 15-Minuten-Stadt. Das ist Lebensqualität. Und hier haben wir einfach Hitzeinseln und eine total heiße Stadt, die so nicht weitermachen darf, weil dann ist sie in ein paar Jahren nicht mehr nutzbar.