«Der Lissabon-Krimi» zwischen Fado und Familie

"Lissabon-Krimi: Zum Schweigen verurteilt"
© Armanda Claro (dpa)

Donnerstagskrimi

Berlin (dpa) - Auf den notorisch unglücklichen Anwalt Eduardo Silva und seine immer selbstbewusster werdende junge Assistentin Márcia Amaya kommen in diesem Herbst zwei Fälle zu, die ihnen einmal mehr Schattenseiten der eigentlich so wunderschönen portugiesischen Hauptstadt zeigen.

«Zum Schweigen verurteilt» (19. November) und «Die verlorene Tochter» (26. November) heißen die fünfte und sechste Episode der 2018 angelaufenen ARD-Reihe «Der Lissabon-Krimi». Zu sehen sind sie als «Donnerstagskrimi im Ersten» um 20.15 Uhr.

Zunächst haben es Grimme-Preisträger Jürgen Tarrach (59, «Tannbach») und seine Kollegin Vidina Popov (28, «SOKO Kitzbühel») mit Straßenkindern und einem der Pädophilie verdächtigten Priester zu tun. Man erlebt Silva, den abgehalfterten, in einer Pension hausenden Juristen, trauernd am Grab seiner lange toten Frau. Danach betrinkt er sich in einer Bar. Auf dem Heimweg in der nächtlich funkelnden Stadt raubt ihm eine Kinderbande Geld und Handy. Und schon am nächsten Morgen wird Silva von Márcias Onkel Valdemar (Luís Lucas) um Hilfe gebeten wegen eines ermordeten und vergewaltigten Straßenkinds: Die Polizei verdächtigt den gut aussehenden jungen Padre Lima (Timur Isik), in dessen Armen Valdemar den toten Pelé aufgefunden hat.

Doch der Onkel ist überzeugt von der Unschuld des Geistlichen, der die vernachlässigten Kinder mit Lebensmitteln und einem Dach über dem Kopf versorgt. Während sie für Geschäftsleute wie Carlos Mendes (Daniel Scholz) und Polizisten wie Sargento Gomes (Dinarte Branco) stets nur ein Ärgernis darstellen. Lima schweigt zu allem. Allein, weil er sich an das Beichtgeheimnis gebunden fühlt? Anwalt Silva und Marcia, die ansonsten für ihr Rechtsexamen paukt, wollen Licht ins Dunkel bringen. Ihre Untersuchungen werden nicht leichter dadurch, dass ein Junge Lima regelmäßiger sexueller Übergriffe bezichtigt.

Der von Regisseur Tim Trageser («Der weiße Äthiopier») sensibel und stimmungsvoll ins Bild gesetzte Film dürfte die Zuschauer vor allem auf der Gefühlsebene ansprechen. Das so brisante Missbrauchs-Thema behandelt das Drehbuch von Grimme-Preisträger Thomas Freundner («Billy Kuckuck») auf eine angenehm un-reißerische Art.

Hauptdarsteller Tarrach genießt Lissabon bei den jeweils zweimonatigen Produktionsarbeiten seit 2016 wie ein zweites Zuhause. Das erzählt er der Deutschen Presse-Agentur (dpa) am Telefon - und merkt an: «Wir wollen uns mit diesen Auslandskrimis absetzen gegen die vielen anderen. Dabei ist das Schöne an Eduardo Silva für mich, dass man sehen kann, wie er sich mit seinem ganzen Leben, seinem gesamten Sein einsetzt. Das hat auch mit der höheren Emotionalität der Portugiesen und der Stadt zu tun.»

Straßenkinder habe er nie gesehen. «Das findet in anderen Vierteln statt, nicht im Zentrum», meint Tarrach. Ergänzt aber: «Wir drehen oft unter Polizeischutz in einer Art Favela in Lissabon - die Welt des Onkels. Dort sieht man schon Armut und es ist eine merkwürdige Atmosphäre, doch nicht so schlimm wie etwa in Südamerika.»

Einem Wechselbad der Emotionen wird seine Rollenfigur nächste Woche in «Die verlorene Tochter» ausgesetzt (Drehbuch: Sönke Lars Neuwöhner und Sven S. Poser). Eingangs singt Silva in einem Nachtlokal einen schwermütig-schönen Fado - von Tarrachs eigener CD aus dem Jahr 2019. Zeitgleich wird ein Seemann und Drogenkurier erschossen.

In den kriminellen Fall verwickelt ist Silvas Tochter Ines (Helen Woigk), die nach Jahren wieder bei ihm auftaucht. Jedoch nur, um den Vater um Beistand für ihren Freund Miguel (Martin Bruchmann) zu bitten. Der militante Umweltaktivist verwendet Drogengelder, um seine Aktionen zu finanzieren. Nun steht er unter Mordverdacht. Silva gerät also in einen tiefen Konflikt. Auf alle Fälle tut ihm gut, dass er Marcia an seiner Seite hat, die ihren Chef immer wieder aus der ihm eigenen Melancholie herauszuziehen vermag.

«Was ich an Marcia interessant und bewegend finde, ist ihre Selbstständigkeit, ihre Emanzipation, ihre Stärke. Sie ist in einer Sinti-Kultur und in einer männerdominierten Umwelt in Lissabon aufgewachsen und hat sich durchgeboxt», sagt die in Berlin lebende, am Maxim Gorki Theater engagierte Schauspielerin Popov über ihre erste TV-Hauptrolle: «Dass sie weiß, was sie möchte und sich das auch holt - das gefällt mir.» Sie selbst, in Wien geborene Österreicherin mit bulgarischen Wurzeln, kenne aus eigenem Erleben das Heranwachsen in zwei Kulturen. Das habe sie immer als Geschenk empfunden.

© dpa-infocom, dpa:201117-99-364281/4

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