MSV Trainingslager
Die erste Dienstreise in dieser Saison steht bevor, ich werde den MSV Duisburg ins Trainingslager begleiten. 870 Kilometer Fahrt liegen vor mir bis nach St. Kassian im schönen Südtirol. Dort bereitet sich der MSV bis zum 23. Juni auf die neue Saison vor und ich werde hier in meinem Tagebuch ausführlich über die Geschehnisse im Trainingslager berichten. Elf neue Spieler sind mit dabei und die werde ich natürlich besonders unter die Lupe nehmen.
Meine Fremdsprachen-Taschenbücher lasse ich zu Hause, auch wenn beim MSV jetzt 14 Nationen verteten sind. Doch alle sollen deutsch sprechen können, auch das werde ich testen. Doch jetzt heisst es erstmal Tasche packen, Auto tanken und dann ab nach Südtirol. Wir hören uns...
Tag 1

- Die Journalisten-Pension in Sankt Kassian.
Hier lässt es sich aushalten. Der MSV Duisburg übernachtet im Wellnesshotel Fanes in Sankt Kassian, 1100 Meter über dem Meeresspiegel, die Journalisten in einer Pension direkt daneben. Ich habe eine tolle Aussicht auf die Berge und das Tal, auch wenn der erste Tag im Trainingslager sehr verregnet war. Es gibt viele neue Gesicher beim MSV Duisburg, und morgen wird noch ein weiteres hinzukommen. Denn der MSV hat Flamur Kastrati verpflichtet, jetzt gibt es also schon 15 Nationen bei der Multi-Kulti-Truppe der Zebras. Und auch die spannende Frage des Systems scheint geklärt, es läuft auf ein 4-4-2 hinaus, wie es beim 7:1-Sieg gegen eine Südtirol-Auswahl praktiziert wurde: Sukalo oder Pamic als Abräumer vor der Abwehr, Shao oder Wolze über links, Gjasula oder Beichler als Spielmacher, Brosinski oder Kunt über rechts, dazu Jula, Domovchisky, Kastrati oder Exslager im Sturm. Der Trainer hat viele Variationsmöglichkeiten. Und eins steht jetzt schon fest: Der MSV wird in der kommenden Saison nicht unterschätzt werden sondern von Beginn an zu den Aufstiegsfavoriten zählen. Mit diesem Druck müssen die Zebras zurecht kommen.
Tag 2
In einem Trainingslager ist es möglich, in Ruhe und völlig ungezwungen mit den Trainern und Spielern zu sprechen, da diese auch über ein bißchen Abwechslung froh sind. So traf sich heute eine illustre Runde zum Pressegespräch. Milan Sasic, Oliver Reck, Florian Fromlowitz und David Yelldell. Und in der Luft hang die spannende Frage: Wer wird die Nummer eins? Die Antwort: Roland Müller. Allerdings nur auf dem Trikot, das er tragen wird. Im Tor wird entweder Fromlowitz oder Yelldell stehen. Flo wurde verpflichtet, um den Konkurrenzkampf im Tor zu schüren, und auch das Alter war entscheidend. Flo ist gerade mal 24 jahre jung und hat noch Entwicklungspotential Der Vertrag mit Marcel Herzog wurde inzwischen aufgelöst, er hat einen neuen Verein gefunden, welcher das ist, wurde noch nicht verraten. Für Milan Sasic macht die Torhüterposition 50 Prozent der Mannschaft aus. Ohne einen starken Rückhalt sei ein Aufstieg nicht möglich. Und der dritte Torwart, in diesem Fall Roland Müller, muss in der Lage sein, bei Verletzungen der beiden anderen direkt aushelfen zu können. Deshalb wurde der Vertrag mit Müller um zwei Jahre verlängert. Fromlowitz kennt Sasic noch aus seiner Zeit in Kaiserslautern. Wegen eines Kreuzbandrisses fiel Flo allerdings lange aus und deshalb fragte ihn Milan nach seiner Rückkehr aus dem Reha-Zentrum scherzhaft: Wo warst du so lange? Der Humor des Trainers ist gewöhnungsbedürftig, doch ich habe mich daran gewöhnt. Auf einfache Fragen gibt es lustige, aber kaum verbindliche Antworten. Frage: Sind die Planungen nach der Verpflichtung von Kastrati abgeschlossen? Antwort: Die Planungen sind nie abgeschlossen, sonst fällt morgen ein Spieler über eine Kiste und verdreht sich das Knie. Frage: Welches System werden sie in der neuen Saison spielen? Antwort: Das entscheiden die Spieler. Nachfrage: Welches System bevorzugen sie? Antwort: Das System, das die Spieler am besten können. Ich hätte noch vier mal nachfragen können, ich kann es aber auch sein lassen und stattdessen Südtirol erkunden, das Ergebnis wäre gleich. Bei Milan Sasic muss ich zwischen den Zeilen lesen. Frage: Warum kommt ein Kastrati ablösefrei nach Duisburg, wenn Cottbus für ihn rund 400.000 Euro Ablöse zahlen sollte? Antwort: Über Vertragsinhalte gebe ich keine Auskunft, aber das können sie sich doch selber denken. Also denke ich und komme zu dem Schluss, dass Twente Enschede einen Teil der Transferrechte bei Kastrati behält und somit bei einem möglichen Weiterverkauf des Spielers finanziell profitiert. Daraufhin schweigt der Trainer und dieses Schweigen interpretiere ich nach Monaten der Zusammenarbeit als Zustimmung. Dann habe ich mich verabschiedet, um Südtirol zu erkunden...
Tag 3
Ich komme kaum noch mit. Da habe ich jetzt mit Mühe und Not die 12 neuen Namen beim MSV Duisburg den richtigen Spielern zugeordnet und schon steht Neuzugang Nummer 13 auf der Matte. Markus Bollmann wird von Tobias Willi heute vom Flughafen in Innsbruck abgeholt und wird morgen seine erste Trainingseinheit absolvieren. Gut, Bollmann ist 1,90 Meter gross und sollte daher auf dem Platz leicht zu erkennen sein, mehr Probleme habe ich, Wolze und Pliatsikas voneinander zu unterscheiden. Früher hatte der Grieche die Haare blond gefärbt, doch jetzt hat er die gleiche schwarze Kurzhaar-Frisur wie Wolze und beide sind auch noch gleich gross, die beiden verwechsel ich regelmässig. Pliatsikas hat den Spitznamen Billy, der kommt mir auch leichter über die Lippen, und Domo ist auch leichter ohne das vchiyski am Ende, außerdem sieht Domo fast genauso aus wie Kastrati. Doch ich werfe die Flinte nicht ins Korn, bis zum ersten Spieltag habe ich die Namen drauf. Kastrati hat bei seinem ersten Training heute übrigens mit seinem allerersten Ballkontakt ein Tor erzielt, weiter so. Vier Teams mit sechs Spielern wurden heute von Milan Sasic gebildet und mussten auf dem Kleinfeld in Turnierform gegeneinander antreten. Gewonnen hat Team gelb mit Müller, Sukalo, Jula, Karimov, Brosinski und Exslager Hooligan. Und wie das Foto rechts oben beweist haben sie sich sehr über diesen Turniersieg gefreut. Nach dem Training wurden freiwillig noch ein paar Freistösse getreten und Shao war dabei die Touristenattraktion. Alle Spieler standen staunend um den Chinésen herum, der aus etwa 25 Metern die Bälle aufs Tor pfefferte. Gut, die Hälfte der Bälle gingen 10 Meter drüber Richtung Parkplatz, doch wenn einer dieser Flatterbälle mal aufs Tor kommt, ist für die Torhüter guter Rat teuer. Deshalb musste sogar Branimir Bajic ins Tor, weil sich die richtigen Torhüter durch Shaos Schüsse nicht demoralisieren lassen wollten. Keine Sorge, Bajic hat alles gut überstanden und geniesst den freien Nachmittag wie die anderen Spieler auch. Viel machen kann die Mannschaft in der Freizeit allerdings nicht, in Sankt Kassian stehen geschätzt drei Häuser und alle sind abgeschlossen, dazu regnet es heute den ganzen Tag. Doch morgen soll die Sonne scheinen und dann melde ich mich wieder, nach dem Testspiel gegen Austria Lustenau...
Tag 4
Zweites Testspiel, zweiter Sieg. Der MSV Duisburg schlug Austria Lustenau mit 3:1. Vor allem in der ersten Halbzeit war es eine flotte Begegnung. Und schon jetzt ist der MSV nach ruhenden Bällen wieder bärenstark. Obwohl Sasic bisher kaum Standards hat trainieren lassen. Mann des Spiels war ganz klar Daniel Brosinski. Seine erste Ecke in der 17. Minute köpfte Markus Bollmann ins Netz. Der neue Mann aus Bielefeld hat also 21 Stunden nach seiner Ankunft im Trainingslager direkt getroffen, Respekt! Die zweite Ecke von Brosinski in der 26. Minute verwandelte Goran Sukalo, ebenfalls per Kopf. Und als Brosinski in der 37. Minute von der linken Seitenauslinie einen Freistoß scharf vors Tor brachte, kam diesmal keiner mehr ran und der Ball ging durch alle hindurch ins rechte untere Eck. Neben Brosinki haben mir auch die beiden Stürmer Jula und Kastrati sehr gut gefallen. Jula behauptet vorne unglaublich viele Bälle und ist kaum vom Ball zu trennen und der kleine Lausbub Kastrati ist frech und erzielte seines erstes Tor für den MSV mit der Hand, leider hat es der Schiedsrichter gesehen. In der zweiten Halbzeit wechselte Sasic munter durch, das Spiel verflachte und es gab nur noch eine aufregende Szene. Beim Ehrentreffer der Österreicher in der 58. Minute verletzte sich Torwart Roland Müller. Bei seinem Rettungsversuch prallte er mit dem Kopf ans Schienbein von Wolze und holte sich dabei eine blutige Nase und eine aufgeplatzte Lippe. Da Müller schwindelig war, wurde er vorsichtshalber ausgewechselt. Kein Problem, dachte ich mir, der MSV hat ja vier Torhüter unter Vertrag. Doch dann die Überraschung. Maurice Exslager ging ins Tor. Der Grund: Alle anderen Torhüter waren schon in der Halbzeitpause zurück ins Hotel gefahren. Ein bißchen peinlich ist das schon, doch in einem Testspiel so eben noch vertretbar. Exslager spielte übrigens zu Null und kommentierte seine Leistung so: Bei einem Ball habe ich richtig gut spekuliert. Dieser Ball ging übrigens fünf Meter drüber, aber egal. Falls beim MSV also mal alle vier Torhüter gleichzeitig verletzt sind, Exslager stünde bereit. Der MSV ist halt immer wieder für eine Überraschung gut. Überraschend war heute auch, das kein weiterer Spieler verpflichtet wurde. Tobias Willi stand heute morgen auf und wollte schon reflexartig zum Flughafen nach Innsbruck fahren, doch da kam heute kein neuer Spieler an. Aber vielleicht morgen und dann melde ich mich wieder...
Tag 5
Der MSV Duisburg hat vier neue Werbestars. Ivo Grlic, Maurice Exslager, Andre Hoffmann und Marcel Lenz wechselten heute mal kurz ihren Beruf und übten sich als Schauspieler. Die vier Zebras spielten die Hauptrolle in einem Imagefilm für das Hotel Fanes. Bei den Dreharbeiten war Geduld gefordert, denn viele Szenen mussten des öfteren gedreht werden. Mal mussten die Spieler in die Küche, dann an den Pool und in den Saunabereich. Bis Ivo Grlic keine Lust mehr hatte und sich mit den Worten verabschiedete: I am an old man. Jetzt reichts. Dieser Imagefilm wird übrigens bei den 17 Heimspielen in dieser Saison in der Schauinsland-Reisen-Arena auf der Videoleinwand gezeigt, im Gegenzug bekommt der MSV den Aufenthalt in diesem Hotel quasi geschenkt. Eine Hand wäscht die andere. Bislang gibt es an den Bedingungen im Trainingslager nicht viel auszusetzen. Nur der lange Anfahrtsweg zum Trainingsplatz ist ein Problem. Pro Strecke brauchen die Spieler etwa eine halbe Stunde, denn die kurvenreiche und steile Strasse zieht sich wie Kaugummi. Mit vier Kleinbussen fährt der MSV diese Strecke täglich vier Mal, die Fahrer sind die Co-Trainer Fuat Kilic und Karim Rashwan sowie die beiden Spieler Branimir Bajic und Goran Sukalo. Endlich am Trainingsplatz angekommen, wurden Standardsituationen geübt. Brosinksi und Kern bringen die Bälle sehr gefährlich vors Tor und die Kopfballungeheuer Jula und Sukalo machen fast jeden Kopfball rein. Vielleicht wird die Marke von 18 Toren nach ruhenden Bällen aus der letzten Saison nochmal getoppt. Bis auf Ivo Grlic sind alle Spieler voll bei der Sache, auch Roland Müller, der sich im Testspiel verletzte und einen Schlag auf die Nase bekam. Müllers Kommentar auf die Frage, wie es ihm geht: Läuft. Sergej Karimov muss aufgrund von Leistenproblemen zwar etwas kürzer treten, kann aber ab morgen wieder voll mittrainieren. Heute Abend hat Pressesprecher Martin Haltermann alle Journalisten zum Essen eingeladen. Gut, alle hört sich viel an, es sind aber nur zwei. Thomas Tartemann von der NRZ und meine Wenigkeit, dazu noch der Sportfotograph Christoph Reichwein. Damit wir nicht so alleine sind, kommt auch noch Tobias Willi mit. Das bedeutet, wir werden heute Abend nicht zu Wort kommen, denn Willi kann genauso schnell sprechen wie er laufen kann...
Tag 6
Nach einer harten Trainingseinheit am Morgen mit anspruchsvollen Steigerungsläufen gab es für die Spieler am Nachmittag eine Belohnung. Tobias Willi hatte eine Gondelfahrt organisiert und die führte den MSV Duisburg in luftige Höhen. Es ging die Piz Sorega hinauf, die in 2.200 Metern Höhe endet. Eine traumhafte Aussicht und bei sonnigem Wetter konnten wir kilometerweit ins Tal sehen, alle Spieler zeigten sich schwindelfrei und genossen den Aufenthalt. David Yelldell war besonders fasziniert und sagte, ich zitiere: Ich fühle mich wie der erste Schwarze auf dem Mount Everest. Oben auf dem Berg gab es für alle Apfelstrudel und Apfelschorle, Benjamin Kern und Daniel Beichler schnappten sich die besten Liegestühle und sonnten sich. Milan Sasic, der laut eigener Aussage kein Wintersportler ist und zur Erholung lieber an die Adria-Küste fährt, konnte sich kaum satt sehen. Dort oben verzog sich dann auch schnell der Ärger, den der MSV Duisburg nach der Veröffentlichung der Spielpläne noch verspürt hatte. Der Verein hatte aus Respekt vor den Opfern der Loveparade extra bei der Deutschen Fussball Liga einen Antrag gestellt, am zweiten Spieltag kein Heimspiel austragen zu wollen. Denn am 24. Juli soll es am Jahrestag der Katastrophe eine Gedenkfeier in der Schauinsland-Reisen Arena geben. Da zwei Tage später auch noch das Benefizspiel gegen Schalke in der Arena geplant ist, hofft der MSV, dass das Spiel gegen Cottbus zumindest am Freitag zuvor stattfindet. Denn ansonsten müsste der Verein entweder die Trauerfeier oder das Benefizspiel absagen. Die DFL, die doch anscheinend immer so viel Wert auf Fair Play legt, hat hier in meinen Augen versagt...
Tag 7
Petar Sliskovic hat dem MSV Duisburg sein Ja-Wort gegeben. Der Stürmer vom FSV Mainz 05 will unbedingt zu den Zebras. Doch die Mainzer wollen Sliskovic erst gehen lassen, wenn Ersatz für ihn gefunden ist. Deshalb übt sich der MSV noch in Geduld, die Transferperiode endet erst am 31. August. Sliskovic wäre dann Stürmer Nummer fünf, sind das nicht zu viele? Für Milan Sasic nicht, weil Baljak frühstens in der Rückrunde wieder zur Verfügung steht und Domo sowie Katrati auch auf den Flügeln eingesetzt werden können. Sollte Sliskovic ausgeliehen werden, wären die finanziellen Möglichkeiten des MSV erschöpft, ein Linksverteidiger könnte dann wohl nicht mehr verpflichtet werden. Sasic sieht das gelassen, da Kevin Wolze auch auf der linken Seite in der Viererkette aushelfen könnte, falls sich Karimow mal verletzen sollte. Im Testspiel gegen den SC Kriens hat Wolze in der Abwehr überzeugt, er ist zweikampfstark, hat ein gutes Auge und schaltet sich immer wieder in die Offensive mit ein. Die Tore beim 3:1-Sieg gegen den Schweizer Zweitligisten erzielten aber andere. Sukalo nach einen Freistoß von Shao traf zum 1:1, drei Minuten später erzielte Domo das 2:1 nach einer gelungen Kombination über die linke Seite und den 3:1-Endstand stelle Maurice Exslager nach einem Solo über den halben Platz her. Diese Zeilen schreibe ich aus dem fahrenden Auto heraus, da ich schon wieder auf dem Heimweg bin, aber keine Sorge, ich sitze hinten. Doch da das Netz immer wieder zusammenbricht, beende ich hiermit mein Tagebuch über das Trainingslager in Südtirol. Wir hören uns in Duisburg...





